DEUTSCHBALTISCHE STUDIENSTIFTUNG

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Baltischer Jugend- und Studentenkongress 2010 begeistert den Schirren-Tag

 

Es war wirklich kein leichtes Thema, das Ende September in Lauenburg auf die 40 jungen Menschen aus Estland, Lettland, Deutschland und Tschechien wartete: „Europäische Werte – Historische Gerechtigkeit. Die Bedeutung europäischer Werte für die Klärung aktueller Probleme in der baltischen Region“. Und nach der Eröffnung durch den Vorsitzenden der Carl-Schirren- Gesellschaft, Prof. Dr. M. Garleff, ging es gleich „in die Vollen“: Den zwei Impulsreferate des Politologen Dr. H. Schmid (CAU Kiel) und des Historikers D. Henning (IKGN Lüneburg) folgten lange und intensive Diskussionen, die schon aufzeigten, was den Kongress insgesamt prägen sollte: Ein hohes Niveau in der Arbeit, und ein äußerst respektvoller und freundschaftlicher Umgang der Jugendlichen und Studenten miteinander. Mit Gesprächen und Gesang in gemütlicher Atmosphäre klang dann der Donnerstag aus. Der Freitag stand ganz im Zeichen der Projektgruppen. Als Ergebnis der Evaluation des Kongresses 2008 war diese Arbeitsform eingeführt worden, um Freiraum für vielfältige und kreative Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten des Kongressthemas zu ermöglichen. Unter der Begleitung durch K. Lehtma (Oldenburg) und M. Pabst (Kiel) erarbeiteten sich die Teilnehmer in sechs Gruppen Antworten und Ansätze zu folgenden Fragen wie: „Wie können wir mit Vorurteilen und nationalen Stereotypen in Europa leben?“, „Welchen rechtlich-politischen Weg gehen die baltischen Staaten und Europa im Umgang Minderheiten?“ oder: „Wie findet Vergangenheitsbewältigung statt? Wie kann man »Verletzungen« aus der Geschichte erfolgreich überwinden?“ Es galt hierbei, nicht nur Antworten oder Standpunkte zu entwickeln, sondern ebenso einen Beitrag für die Präsentation am Folgetag. Und nach einem Tag voller Lektüre, Diskussion, Kreativität und Probe folgte spätabends noch eine weitere Herausforderung: Ein „Crash-Kurs Française“, den alle – Müdigkeit zum Trotz – mit Bravour bestanden. Samstag früh folgte der Aufbruch nach Lüneburg, wo nach Stadtführung und Empfang durch den Bürgermeister am Nachmittag die Ergebnisse der Projektgruppen in der „Stunde der jungen Generation“ präsentiert wurden. Und diese Präsentation ließ ihr Publikum sprachlos zurück. Statt Diskussionsbedarf herrschte nach lang anhaltendem Applaus zunächst zustimmendes und begeistertes Schweigen: Eine Reaktion, welche die Kongressveranstalter bei diesem kritischen Publikum nicht erwartet hatten, die aber für die hervorragenden Leistungen der Jugendlichen und Studenten spricht! Und so kann man sagen, dass sie sich das gemeinsame Feiern auf dem abendlichen Ball wohl verdient haben. Dass die Française beide Male hervorragend klappte, sei nur am Rande erwähnt. Nach einer kurzen Nacht und der Teilnahme am Festakt im Rathaus, fand der Kongress seinen offiziellen Abschluss im Brömsehaus und der Andacht in der Johanniskirche. Diese vier Tage im September haben gezeigt, dass der Kongress sowohl als Grundkonzept, als auch in dieser Form, als äußerst erfolgreich und als ein neuer, zukunftsweisender Zweig deutschbaltischer Arbeit angesehen werden muss. Den Organisatoren, insbesondere Tatjana Vollers, gilt der Dank aller Teilnehmer.

Martin Pabst


Ein gemeinsame Zukunft erschaffen
Reflexionen zum Baltischen Jugend- und Studentenkongress 2010


„Europäische Werte – Historische Gerechtigkeit” – mit diesen großen Themenkomplexen beschäftigten sich die Teilnehmer des Baltischen Kongresses, den die Deutschbaltische Studienstiftung dieses Jahr zum zweiten Mal veranstaltete.

Die Europäische Einigung ist nach den schrecklichen Erfahrungen des zweiten Weltkrieges, die sich in Vertreibung, Trennung, Besetzung noch bis lange nach 1945 fortsetzten, zu einer, wenn nicht der wichtigsten Aufgabe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geworden. Damit sich all das menschliche Leid nicht wiederholt, haben es sich engagierte Menschen in ganz Europa seit Kriegsende zur Aufgabe gemacht, aktiv für ein Miteinander der Völker zu werben. Sie wollen einen friedvollen Weg in eine gemeinsame Zukunft finden. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs vor 20 Jahren hat ein neues Kapitel begonnen: die Integration der ehemals kommunistischen Staaten, die sich um eine Rückkehr in „den Westen” bemühen, ist eine Aufgabe, die noch über viele Jahrzehnte vor große Herausforderungen stellen dürfte.
In der heutigen Zeit, in der der Grossteil der Europäer die Erfahrungen von Krieg, Vertreibung und Erbfeindschaften nicht mehr persönlich gemacht hat, scheint das Zusammenleben in Frieden und Wohlstand von Menschen unterschiedlicher Herkunft normal zu sein. So wird es oft vergessen, dass dieser Friede Anstrengungen bedarf und sich eben nicht von alleine einstellt. Der Aufstieg populistischer Parteien in vielen europäischen Ländern, die massenhafte Ausweisung von EU-Bürgern aus Frankreich oder die Diskussion um die Solidarität mit dem von der Finanzkrise gebeutelten Mitgliedsstaaten der Europaeischen Union sind nur einige Beispiele, die zeigen, dass ein europäisches Miteinander vielleicht brüchiger ist, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Die Deutschbaltische Studienstiftung hat es sich zusammen mit seinen Partnerorganisationen zur Aufgabe gemacht, am Aufbau eines gemeinsamen Europas mitzuwirken. Der Baltische Jugend- und Studentenkongress 2010, der vom 23. bis 26. September in Lauenburg und Lüneburg stattfand, ist ein wichtiger Bestandteil dieser Aktivitäten. Dass mit Christian Wulff der amtierende Bundespräsident die Schirmherrschaft für den Kongress übernommen hat, ist deshalb als Zeichen der Wichtigkeit einer solchen Veranstaltung zu betrachten. 40 Teilnehmer im Alter von 16 bis 30 Jahren aus Estland, Lettland Tschechien, und Deutschland erhielten die Gelegenheit, miteinander über das gemeinsame Zusammenleben ins Gespräch zu kommen, ihre Gedanken auszutauschen und Ideen zu entwickeln, wie sich die Zukunft gestalten lässt. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach Europäischen Werten und historischer Gerechtigkeit. Denn dass auch die Vergangenheit einen großen Einfluss darauf besitzt, wie mit der Zukunft überhaupt umgegangen werden kann, bleibt unbestreitbar.
Zwei Vorträge von Dr. Harald Schmid (Universität Kiel) und Detlef Henning (Nordost-Institut Lüneburg) ermöglichten nach der offiziellen Eröffnung des Kongresses durch Professor Michael Garleff einen gehaltvollen Einstieg in die Thematik. Während Dr. Harald Schmid die weltweite Tendenz demokratischer Staaten herausarbeitete, von der Glorifizierung der eigenen Geschichte abzulassen und Fragen der nationalen Schuld aufzuarbeiten, stellte Detlef Henning den Kampf um die Deutungshoheit um die Geschichte vor allem zwischen Russland und den baltischen Staaten in den Vordergrund seines Referates. Aufbauend auf diesen Impulsen setzten sich die Teilnehmer am folgenden Tag in sechs Projektgruppen intensiv mit unterschiedlichen Themen auseinander. Besonders begeisternd war hierbei die Motivation der Teilnehmer. Egal, ob spät abends oder vor dem Frühstück, egal, ob in den Arbeitsräumen, auf den Fluren oder im Essenssaal – stets und überall waren Gruppen zu entdecken, die über Ideen für Ihre Ergebnispräsentation brüteten, leidenschaftlich komplexe Fragestellungen diskutierten oder andere mit Erfahrungen aus ihrem eigenen Leben für neue Perspektiven sensibilisierten. Wohlverdientes Ergebnis war es deshalb, dass die Stunde der Jungen Generation des Carl-Schirren-Tages, die am folgenden Tag genutzt wurde, um die Ergebnisse zu präsentieren, ein sprachloses Publikum hinterließ. Die anwesenden Zuhörer zeigten sich begeistert ob der nachhaltigen Präsentationen, die viele erfrischende Anknüpfungspunkte zum eigenen Nachdenken lieferten.
Doch auch wenn ein solcher Kongress zu neuen Erkenntnissen führt, ist er für die Teilnehmer nur dann ein Erfolg, wenn er Menschen einander näher bringen kann. Freundschaften zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft sind noch immer eines der robustesten Fundamente für die internationale Verständigung. Zum Glück sorgte ein kurzweiliges Rahmenprogramm dafür, dass trotz allem angemessenen Ernstes auch der Spaß und das gegenseitige Kennenlernen nicht vernachlässigt wurden. Besonders das abendliche Einüben historischer Tänze bot, nachdem die erste Müdigkeit überwunden war, viel Gelegenheit für gemeinsames Scherzen und Lachen, aber auch zum Verzweifeln über die ungewohnten Tanzschritte. Glücklich konnte sich schätzen, wer eine erfahrene, reizende Tanzpartnerin an seiner Seite wusste. Der Lernfortschritt ließ sich dann auch direkt beobachten: auf dem samstäglichen Ball, dem gesellschaftlichen Höhepunkt des Kongresses, war so manches neue, begeisterte Tanztalent zu entdecken. So viel Engagement hinterließ dann aber auch Spuren: nach längerer Busfahrt vom Ball in die Jugendherberge heimgekehrt, war an einen gemütlichen Ausklang des Abends nicht mehr zu denken. Jeder beeilte sich, sich so schnell wie möglich unter die wärmende Decke verkriechen zu können, um Kraft für den kommenden, abschließenden Tag zu sammeln.
So bleibt zum Schluss noch der Dank an alle beteiligten Personen und Organisationen, die den Erfolg des diesjährigen Baltischen Kongresses ermöglicht haben. Besonders herauszustellen ist hier Tatjana Vollers, die der Veranstaltung durch ihre unermüdliche Arbeit die nötige Professionalität zu verleihen vermochte. Nur so konnte der Baltische Kongress zeigen: Es ist wichtig, woher wir zusammenkommen. Aber noch wichtiger ist es, wohin wir gemeinsam gehen werden.

von Nils S. Borchers


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