SCHWERPUNKTSEMINAR TARTU 2018
Nebeneinander und Miteinander
Deutschbaltische Kulturgeschichte und ihre Wechselwirkungen
unter der Schirmherrschaft des deutschen Botschafters in Estland Herrn Christoph Eichhorn

18. bis 21. Oktober 2018 in Dorpat / Tartu

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Unter dem Slogan „Sharing Heritage“ hat die Europäische Kommission das Jahr 2018 zum europäischen Kulturerbejahr ausgerufen. Europaweit soll in einer Vielzahl von Projekten das Gemeinschaftliche und Verbindende der europäischen Kultur den Bürgern der Europäischen Union sichtbar gemacht werden. In Zeiten eines wiedererstarkenden, europaskeptischen Nationalismus, der sich mehr und mehr kultureller („Leitkultur“, „kulturelle Identität“) denn biologistischer („Rasse“ und „Blut“) Begrifflichkeiten bedient, gewinnt die Vermittlung kulturhistorischen Wissens unter diesen Vorzeichen neben ihrem klassischen Inhalt als kulturelle Bildung eine besondere und wichtige politische Dimension. Dabei geht es nicht allein darum, die Vielfalt europäischer Kultur als attraktiv, reizvoll und bewahrenswert zu schildern, sondern vor allem darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Kultur nicht statisch und stets auch ein Produkt wechselseitigen Austauschs ist.

Die Kulturgeschichte der Deutschbalten ist ein gutes Beispiel, um diese Perspektive auf Kultur aufzuzeigen. In ihrem Selbstverständnis war sie stets „deutsche“ Kultur gewesen, seit dem „nationalen Erwachen“ der Esten und Letten im Zuge der „Kulturträgerthese“ als die Kultur schlechthin verstanden, durch deren Weitergabe an die autochthone Bevölkerung diese überhaupt erst zivilisiert worden seien. Spätestens seitdem die Deutschbalten nach Umsiedlung und Flucht nicht mehr als „Deutsche“ unter den Esten und Letten, sondern als „Deutschbalten“ unter Holsteinern, Westfalen, Hessen und Schwaben leben wurde unübersehbar, welche z.T. signifikanten Prägungen die Jahrhunderte des Neben- und Miteinanders mit den übrigen Völkern des Baltikums und seiner Nachbarregionen hinterlassen hatten.

Heute, fast 80 Jahre nachdem die Deutschbalten ihre Heimat unter dem Eindruck des Hitler-Stalin-Paktes verließen und mehr als ein Vierteljahrhundert nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit der baltischen Republiken droht das Wissen um die Kulturgeschichte der Deutschbalten in ihrer Einzigartigkeit sowohl Deutschland – wo sich nach Kriegsende die wenigen Zehntausend Deutschbalten sich recht zügig in der Mehrheitsgesellschaft assimilierten – als auch in ihren Heimatländern Est- und Lettland in Vergessenheit zu geraten.

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Das Schwerpunktseminar Tartu ist als eine der regelmäßig stattfindenden Maßnahmen der Deutschbaltischen Studienstiftung ein wichtiger Eckpfeiler im Seminarbereich des DBJW. Seminare nicht nur – wie in den ersten Jahren ausschließlich – im Großraum Lüneburg, sondern auch mit den Schwerpunktseminaren Tartu und Riga jährlich im Baltikum selbst auszurichten, hat neben der konkreten praktischen Kooperation und den daraus resultierenden Synergien mit unseren Partnerinstitutionen auch eine starke symbolische Komponente. Die Durchführung von Seminaren zum deutschbaltischen Kulturerbe in Lettland und Estland macht – jenseits der reinen Vermittlung der Seminarinhalte – die Überwindung alter Grenzen sichtbar und bedeutet auch eine Wertschätzung des dort befindlichen beispielsweise architektonischen Kulturerbes und seiner Bewahrer und Vermittler vor Ort. Konkret bedeutet dies für das Schwerpunktseminar Tartu, dass wir durch die Zusammenarbeit mit Domus Dorpatensis einen konkreten Beitrag zur Förderung unserer Partnerorganisation leisten.